Geschichte Bosnien & Herzogewina

Bosnien und Herzegowina

 

Geographie

Das Land liegt im Südosten Europas und im Nordwesten der Balkanhalbinsel. Seine Fläche beträgt 51 000 km2. Es hat gegen 5 Millionen Einwohner.

Die Hauptstadt Sarajevo hat 305 000 Einwohner. Weitere grössere Städte sind: Banja Luka, Tuzla, Zenica, Mostar, Prijedor, Bihac.

Quer durch Bosnien und Herzegowina verläuft der Dinarische Gebirgsblock. Er nimmt einen grossen Teil des Landes ein, ist karstig und oft schwer zugänglich, was die Bewirtschaftung schwierig macht.

 

Land und Leute

Heute haben Bosnien und Herzegowina wieder etwa gleich viele Einwohner, wie vor dem Bosnienkrieg. Während dem Krieg lebten zeitweise nur noch halb so viele Menschen im Land. 1995 wurde mit dem Abkommen von Dayton das Land in seine heutigen zwei Teile aufgeteilt: die Bosniaken und Kroaten erhielten 51% des Landes und bilden zusammen die sogenannte Föderation. Die bosnischen Serben erhielten 49% der Fläche und bilden die Serbische Republik, ihre grösste Stadt ist Banja Luka.

Die Föderation umfasst grosse Teile Mittelbosniens, der Herzegowina und im Westen die Gebiete nahe der kroatischen Grenze. Die Serbische Republik umfasst Gebiete im Norden und Osten des Landes

Der Ländername Bosnien und Herzegowina spiegelt das Land, das aus zwei, eigentlich drei Landesteilen besteht: der Föderation Bosnien, der Herzegowina und die Republik Srpska.

Bosnien ist davon der grösste Landesteil, weshalb das ganze Land oft vereinfacht Bosnien genannt wird.

Oberhaupt ist das Staatspräsidium, bestehend aus je einem Bosniaken (bosnischer Moslem), Serben und Kroaten. Der Vorsitz rotiert alle 8 Monate.

Die Republik Bosnien und Herzegowina wurde 1992 ausgerufen und von der EU und den USA anerkannt. Sein Parlament besteht aus zwei Kammern, dem Abgeordnetenhaus und der Völkerkammer.

Gesprochen wird Bosnisch, Serbisch und Kroatisch, die Schriften sind lateinisch und kyrillisch.

Religionen: Ca. 48% sind muslimisch, 34% serbisch-orthodox, 15% römisch-katholisch.

Wirtschaft: Wichtige Wirtschaftszweige sind die Holz-, Metall- und Textilindustrie, sowie Bergbau, Landwirtschaft und Tourismus.

Bosnien und Herzegowina grenzen an Kroatien, Serbien und Montenegro.

 

Geschichte

Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. lebten die ersten Menschen auf dem Gebiet des heutigen Bosnien. Es waren Illyrer, südlich von ihnen lebten Griechen und östlich Thraker. Die Illyrer konnten Angriffe der Kelten abwehren, wurden aber im 1. Jahrhundert von den Römern eingenommen und zur römischen Provinz Illyricum superius. In der Sprache der Illyrer war Bos die Bezeichnung für fliessendes Wasser. Der Fluss im Norden bekam den Namen Bosna, woraus der Landesname Bosnien abgeleitet wurde.

Im Mittelalter wechselten sich dann verschiedene Mächte ab, Kroaten, Serben, Ungaren und Byzantiner.

Aber in dieser Zeit gelang auch die Gründung eines bosnischen Staates. Der erste bosnische Herrscher hiess Banus Kulin, 1180-1204. Er ist bis heute im Bewusstsein der Bosnier verankert. Aber auch unter ihm war das Land abhängig von Ungarn, bis ins 14. Jahrhundert. Kulin initiierte einen regen Handel mit dem Stadtstaat Ragusa, dem heutigen Dubrovnik.

Es gab religiöse Konflikte. Die Grenze zwischen der katholischen und orthodoxen Kirchen verlief mitten durch das Land. Ab dem 10. Jahrhundert flüchteten Bogumilen in das Land, deren Lehre christliche, persische und buddhistische Elemente beinhaltete. Die katholische Kirche empfand die Bogumilen als Bedrohung. Mehrere Päpste bekämpften sie auch mit Gewalt. Im 14. Jahrhundert mussten die Bogumilen flüchten. Bis heute sind nur noch Grabsteine von Bogumilen zurückgeblieben, die meisten auf dem Bogumilenfriedhof Radimlja in der Nähe von Mostar.

Die bosnische Kirche geht zum Teil auf die Bogumilen zurück, führte Hierarchien ein, lehnt den Papst als Oberhaupt aber ab. Im 13. Jahrhundert wurde sie Staatskirche. Im 14. Jahrhundert herrschte Banus Kotromanic. Es war das erfolgreichste Jahrhundert für Bosnien. Die Fläche konnte um die Herzegowina vergrössert werden und Bosnien erhielt einen kleinen Zugang zum Meer. Kotromanic öffnete das Land für Franziskanermönche, die Klöster bauten und Einfluss auf die Kulturentwicklung hatten. Es entstand eine multireligiöse Staatsordnung, die bis heue besteht.

Ein Neffe von Kotromanic, Stevan Tvrtko eroberte serbische und kroatische Gebiete und liess sich 1377 zum bosnischen, serbischen und kroatischen König ausrufen. Nachdem die Serben 1389 die Schlacht gegen die Osmanen auf dem Amselfeld verloren hatten, war Bosnien der machtvollste Staat auf dem Balkan.

 

400 Jahre Herrschaft der Osmanen: Ab 1463 übernahmen die Osmanen die Herrschaft über Bosnien. Bosnien hatte für die Osmanen durch seine Grenze zu Österreich und Venedig eine wichtige strategische Bedeutung. Die ungleiche Behandlung der Bewohner Bosniens durch die Osmanen schärfte das Bewusstsein für ethnische Unterschiede im Land und viele Historiker glauben, dass schon damals der Grundstein für die späteren ethnischen Konflikte gelegt wurde. Die bosnischen Moslems wurden bevorzugt. Sie konnten ihre Sprache beibehalten. Bosnien war aber durch seine Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich, vom Abendland isoliert. Den muslimischen Bewohnern ging es zwar relativ gut. Es entstanden Suppenküchen für die Armen im Lande. Doch die christlichen und orthodoxen Bewohner des Landes blieben arm. Dennoch begannen sich die Bosnier im 19. Jahrhundert vom Osmanischen Reich zu distanzieren (wie es bereits die Serben getan hatten). Das wiederum weckte den Argwohn der muslimischen Bosnier.

1683 erlitten die Osmanen eine schwere Niederlage vor den Toren Wiens gegen die Allianz aus christlichen Streitkräften. Dies leitete den Zerfall des Reiches ein.

Die wieder erstarkten Serben schickten Kundschafter nach Bosnien um mit der orthodoxen Bevölkerung eine Vereinigung mit Bosnien zu erreichen. Unterstützung fanden sie auch bei den Franziskanermönchen.

Serbien und Montenegro erklärten dem Osmanischen Reich den Krieg und zwei Jahre später vereinbarte Russland mit Österreich-Ungarn, dass dieses sich bei einem Krieg gegen die Osmanen neutral verhalte und dass es bei einem Sieg Bosnien und Herzegowina für sich beanspruchen könne. Die Russen siegten tatsächlich und nach dem Waffenstillstandsabkommen von San Stefano mussten sich die Osmanen vom Balkan zurückziehen. Österreich-Ungarn, Grossbritannien, Frankreich und Russland, Italien und das Deutsche Reich beriefen 1878 den Berliner Kongress ein und unter der Leitung von Otto von Bismarck wurde ein Kompromiss gefunden. Rumänien, Serbien und Montenegro wurden selbständig. Bosnien und Herzegowina kamen unter die Verwaltung von Österreich-Ungarn.

 

Unter Österreich-Ungarn: der Einmarsch des Habsburger Militärs löste grosse Skepsis in der bosnischen Bevölkerung aus. Sie Serben in Bosnien hofften sich mit Serbien vereinen zu können, die bosnischen Kroaten erhofften eine festere Anbindung an Kroatien. Die bosnischen Muslime waren misstrauisch, befürchteten ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluss zu verlieren. Bosnier konnten aber in Wien, Graz und Budapest studieren und brachten europäisches Denken ins Land. Mit deren Einfluss entwickelte sich eine europäische Form des Islam, die orientalische und westeuropäische Anteile vermischte.

Politische blieb die Lage angespannt. Die bosnischen Muslime fanden sich zwischen einem erwachenden Nationalismus der Serben und Kroaten wieder. Von beiden Seiten wurde ihnen eine eigene Nationalität abgesprochen und eine Zugehörigkeit zum zur eigenen Volksgruppe unterstellt. Ein nationales Bewusstsein war bei den Bosniaken bisher tatsächlich kaum ausgeprägt.

Österreich-Ungarn fürchtete um seinen Einfluss und förderte die Ablösung Bosniens von den Osmanen und unterstützte die Gründung einer bosnisch-muslimischen Gesellschaft. Es entwickelte ich eine muslimische Bewegung, mit einem liberalen Stil. Die Bosnier sahen sich von da an als Vermittler zwischen dem Orient und Okzident.

1908 annektierte Österreich-Ungarn Bosnien und Herzegowina, was Russland und Serbien bewog zu den Waffen zu greifen.

Am 28. Juni 1914 erschoss Gavrilo Princip, Mitglied der Organisation Junges Bosnien den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau, als sie in Sarajevo eine Militärparade abnahmen. Der Tag war für die Serben Erinnerung an die Schlacht auf dem Amselfeld und die Anwesenheit des Prinzenpaars eine Provokation. Österreich machte die Regierung Serbiens für die Tat verantwortlich. Serbien wies alle Anschuldigungen und Forderungen zurück, worauf Österreich gegen Serbien in den Krieg zog. Dies löste eine Kettenreaktion von Beistandsverpflichtungen aus, die zum 1. Weltkrieg führten. Die Verluste auf serbischer Seite waren gross, ca. 20% der Bevölkerung kamen dabei um. Die Serben mussten sich zurückziehen und formierten sich auf der Insel Korfu neu. Nur dank der Unterstützung von Russland, Frankreich und Grossbritannien konnte sich Serbien halten.

Auf der Seite der Habsburger kämpfen auch Kroaten und bosnische Muslime, darunter auch der spätere jugoslawische Staatspräsident Tito. Der 1. Weltkrieg belebte die panslawische Idee. 1917 beschloss man auf Korfu die Gründung eines gemeinsamen südslawischen Staates. Die lateinische und die kyrillische Schrift wurden gleichgestellt, sowie die hauptsächlich vorkommenden Religionen, Christentum, Orthodoxie und Islam.

Nach dem 2. Weltkrieg hatte sich Europa verändert. Die Habsburger Doppelmonarchie und das Osmanische Reich verschwanden von der Landkarte. Trotz den Beteuerungen der Gleichheit, waren die Serben in der stärksten und einflussreichsten Position und konnten den König stellen. Sie hatten ihr Ziel erreicht, dass alle Serben in einem Land wohnen konnten. Die Slowenen befürchteten von Österreich geschluckt zu werden und die Kroaten von den Italienern. Beide hofften durch den Beitritt zum Königreich starke Partner zu finden. Das Land umfasste neben Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, sowie Montenegro.

Sofort gab es auch Konflikte, die Serben wollten einen zentralistischen Staat, die Kroaten einen föderativen. In Bosnien unterstützten die serbischen Bosnier Serbien und die kroatischen Bosnier Kroatien, während die muslimischen Bosnier dazwischen standen und Anfeindungen von beiden Seiten ausgesetzt waren. Es wurde ihnen vorgeworfen, sie hätten mit dem Feind kollaboriert. Bosnien und Herzegowina unterschieden sich von den anderen Provinzen dadurch, dass auf seinem Gebiet keine Bevölkerungsgruppe zahlenmässig dominant war.

Die Serben gewannen noch mehr Macht und lösten Wahlversprechen nicht ein. 1929 rief der serbische König Alexander Karadordevic die Königsdiktatur aus und löste die Parteien und das Parlament auf. Der König wurde 1934 erschossen, Nachfolger wurde sein Vetter Palve. Dieser hatte in Oxford studiert und war der Demokratie gegenüber offen. Er gestand den Kroaten mehr Autonomie zu. Bosnien und Herzegowina war Verlierer der Einigung zwischen Serben und Kroaten. Der grösste Teil der Herzegowina wurde der kroatischen Banschaft (Provinz) zugesprochen und die übrigen Gebiete kamen zum serbischen Machtbereich.

 

Der zweite Weltkrieg: Mit dem Überfall von Deutschland auf Polen begann der 2. Weltkrieg. Das jugoslawische Königreich trat 1941 dem Dreimächtepakt von Deutschland, Italien und Japan bei, was in Serbien Proteste auslöste. Der König wurde weggeputscht. Der neue, noch jugendliche König und die neuen Machthaber schlossen einen neuen Pakt mit Russland und verweigerten deutschen Truppen den Transit nach Griechenland. Deutschland reagierte mit Militärmitteln. Das Land zerfiel, der König floh ins Ausland. Das Land wurde weitgehend aufgeteilt zwischen Italien, Deutschland, Ungarn und Bulgarien. Kroatien rief die Ustasa einen unabhängigen Staat aus, mit faschistischem Regime, der von Deutschland unterstützt wurde. Er umfasste die dalmatische Küste, sowie Bosnien und die Herzegowina. Die bosnischen Muslime hofften auf eine neue Schutzmacht und wurden auch hofiert, während die Serben, Juden und Roma vom kroatischen Regime verfolgt wurden. Wer nicht zum Katholizismus konvertieren wollte, wurde vertrieben oder umgebracht.

Gegen die Besetzung Jugoslawiens gab es bald Widerstände, einerseits von Cetniks, königstreuen Serben und von kommunistischen Partisanenverbänden um Tito. Die Cetniks strebten die Befreiung des Landes an und eine anschliessende Vormachtstellung der Serben. Die Partisanen hatten ein sozialistisches Land mit gleichberechtigten Volksgruppen im Sinn. Die Alliierten unterstützten zuerst die Cetniks, später die Partisanen. Der Krieg wurde von einem Befreiungskrieg auch zu einem Bürgerkrieg. Cetniks und Partisanen kämpften gegen die Deutschen und auch gegeneinander. Die muslimischen Bosnier befanden sich einmal mehr zwischen den Fronten. Ihnen wurde unterstellt, sie seien auf der Seite Kroatiens und sie wurden von den Serben brutal verfolgt. Die Kroaten trauten ihnen nicht mehr und unterstützten sie nicht, es kam auch zu Übergriffen. Ein Teil der Muslime suchte Hilfe bei den Deutschen um eine militärische Gruppe zum Selbstschutz gründen zu dürfen. Viele Muslime liefen zu den Partisanen über.

 

Jugoslawien unter Tito: Nach schweren Gräueltaten der Cetniks und Ustasa liefen noch mehr Menschen zu Titos über. 1944 zogen Titos Truppen in Belgrad ein. Tito berief alle am Befreiungskampf beteiligten nach Bihac ein. Es konstituierte sich der Antifaschistische Rat, kurz AVNOJ. Alle Vertreter sprachen sich für die Gleichheit aller jugoslawischen Völker aus.

Tito wurde der Titel eines Marshalls verliehen. Die föderative Volksrepublik Jugoslawien wurde gegründet und die Monarchie als abgeschafft erklärt. Eine Verfassung wurde verabschiedet, die die Gleichberechtigung aller Völker beinhalteten, das Einparteiensystem und der föderative Aufbau des Landes. Jugoslawien bestand jetzt aus den sechs Republiken, Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Makedonien, sowie den zu Serbien gehörenden autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina.

Jugoslawien genoss grosses Ansehen in der Welt. Die Loslösung von der Sowjetunion und die von Tito initiierte Bewegung der Blockfreien (Tito hatte den Begriff „Blockfreie Länder“ geprägt) hatten dem Land Sympathien eingebracht. Die Ein- und Ausreisebestimmungen waren liberal. Viele Europäer machten Ferien in Jugoslawien.

Bosnien und Herzegowina unterschieden sich von den anderen fünf Republiken, da es keine eigene bosnische Nation vorweisen konnte. Das war vor allem für die bosnischen Muslime ein Problem. Bis 1968 wurden sie einfach als „ethnische Muslime“ bezeichnet. Seither können sie ihre Nationalität mit muslimisch angeben. Die Anerkennung der Muslime als Nation sollte ein Gleichgewicht zwischen Serben, Kroaten und Muslimen in Bosnien herstellen und helfen, nationale Gegensätze zu überwinden und eine übergreifende jugoslawische Nation etablieren.

Tito nützte die jugoslawischen Muslime um engere Kontakte zu arabischen Staaten zu pflegen. Um die wirtschaftliche Rückständigkeit Bosniens zu überwinden wurde ein intensiver Aufbau der Industrie betrieben. Vor dem Krieg waren ca. 80% der Bosnier in der Landwirtschaft tätig, nach dem Krieg kehrte sich dieses Verhältnis nahezu um.

Dass die Nationalitätenkonflikte nicht gelöst waren, zeigte sich erst, als der wirtschaftliche Aufschwung ins Stocken geriet. Kroatien wollte sich lösen und ihre Landsleute in Bosnien sollten eingegliedert werden. Tito liess die Proteste von 1972 militärisch niederschlagen. Sie bewirkten aber eine neue Verfassung und mehr Dezentralisierung. Die Republiken erhielten fast völlige Selbständigkeit. In Bosnien wurden alle Ämter gleichmässig unter Serben, Bosnier und Kroaten verteilt, was aber en Unmut der Bosnier schürte, denn sie stellten den grössten Teil der Bevölkerung dar. Das islamische Bewusstsein erstarkte (auch dank Unterstützung von arabischen Ländern), was wiederum von Serben und Kroaten skeptische beobachtet wurde. Die jugoslawische Führung befürchtete einen muslimischen Fundamentalismus und verhaftete muslimische Intellektuelle, darunter auch Alija Izetbegovic.

 

Einschub Nation (Wikipedia): um 1400 ins Deutsche übernommen, von lat. natio, „Volk, Sippschaft, Menschenschlag, Gattung, Klasse, Schar“ bezeichnet grössere Gruppen oder Kollektive von Menschen, denen gemeinsame Merkmale wie Sprache, Tradition, Sitten, Gebräuche oder Abstammung zugeschrieben werden. Diese Begriffsdefinition ist jedoch empirisch inadäquat, da keine Nation diese Definition vollumfänglich erfüllt. Daneben wird die Bezeichnung auch allgemeinsprachlich als Synonym für Staatswesen und Volk gebraucht, von denen sie in der wissenschaftlichen Darstellung getrennt werden. Die zugeschriebenen kulturellen Eigenschaften können dabei als der Nationalcharakter eines Volkes oder einer Volksgemeinschaft dargestellt werden. „Nation“ erweist sich so als ein Konstrukt, das von seiner diskursiven Reproduktion und materiellen Effizienz lebt. Indem Menschen sich handelnd auf das Konzept der Nation beziehen, wird es für die Beteiligten und Betroffenen wirksam.

 

Nach Titos Tod: 1980 starb Tito. Er hatte ein Rotationsprinzip für den Präsidenten entwickelt, jede Republik sollte ein Jahr lang den Vorsitz haben. Titos Mythos lebte weiter, sein Geburtstag wurde gefeiert und einte das Volk. Mit einer Wirtschaftskrise nahmen innerpolitische Spannungen zu. Wegen Uneinigkeit in der Partei- und Staatsführen konnten keine geeigneten Massnahmen getroffen werden. Erst Ende der 80er-Jahre kam man zur einheitlichen Meinung, dass die Verfassung geändert werden müsse. Massnahmen zur Belebung der Wirtschaft wurden getroffen, wie Privatisierungen, stärkere Öffnung der Wirtschaft nach aussen. Auf dem Höhepunkt der jugoslawischen Krise standen auf der einen Seite Kroatien und Slowenien, die mehr Marktwirtschaft wollten und Serbien auf der anderen, das einen zentralistischen Staat wollte. Bosnien und Herzegowina nahm keine eindeutige Stellung.

 

Der Zerfall Jugoslawiens: 1990 begann ein Auflösungsprozess. Am 14. Kongress des Bundes der Kommunisten machten die Slowenen zahlreiche Vorschläge für den Umbau Jugoslawiens in eine demokratische Föderation, mit freien Wahlen und demokratischen Strukturen. Serbiens Vertreter Slobodan Milosevic lehnte alle grundlegenden Änderungen ab. Dieser Kongress bedeutete das Ende der Kommunistischen Partei Jugoslawiens. Damit war, wie nach Titos Tod, der Zusammenhalt weiter geschwächt worden. In allen Republiken wurden Wahlen durchgeführt. In Bosnien gehörten zu den wichtigsten Parteien die „Stranka Demonkratska Akcija“ (Demokratische Aktion) unter der Leitung von Alija Izetbegovic, die „Srpska Demokratska Stranka“ (Serbische Demokratische Partei) unter der Leitung von Radowan Kraradzic, sowie die „Hrvatska Demokratska Zajednica (Kroatische Demokratische Gemeinschaft) unter der Leitung von Stjepan Kljujic. Wobei die serbische Partei stark an Serbien angelehnt war und die kroatische unter direktem Einfluss von Kroatien stand. Praktisch proportional zu ihren Bevölkerungsanteilen ging die Wahl aus, die Muslime bekamen 86, die Serben 72 und die Kroaten 44 Mandate.

Das Interesse an einem gemeinsamen Jugoslawien war gering, während nationale Interessen stärker waren. Gemeinsam mit dem makedonischen Präsidenten Kiro Gligorov entwickelte Izetbegovic ein Konzept für einen jugoslawischen Staatenbund. Es kam jedoch zu spät, da sich Kroatien und Slowenien bereits für eigene Staaten entschieden hatten. Serbien pochte weiter auf seinen Führungsanspruch in einem zentralistischen System. Milosevic und Tudman trafen sich mehrere Male und sprachen über eine Aufteilung von Bosnien und Herzegowina, konnten sich aber nicht einigen. Kroatien und Serbien schlugen dann eine Aufteilung von Bosnien in drei Kantone vor. Die Moslems lehnten diesen Vorschlag ab, da sie befürchteten, dass später Kroatien und Serbien Anspruch auf die Kantone mit ihren Bevölkerungsmehrheiten erheben könnten. Eine politische Lösung, die alle drei Bevölkerungsanteile mittragen konnten, wurde nicht gefunden. Es wurde versucht Fakten zu schaffen, indem Gebiete als autonom erklärt wurden, und es kam zu Übergriffen.

Muslime und Kroaten ersuchten bei der EG eine Anerkennung Bosnien und Herzegowinas. Die EG verlangte eine Volksabstimmung, die 1992 durchgeführt, aber von den Serben blockiert wurde. 99% stimmten für eine Loslösung von Jugoslawien und Izetbegovic erklärte daraufhin die Unabhängigkeit von Bosnien und Herzegowina. Daraufhin schossen Serben auf Menschen in Sarajevo, einzelne Städte wurden militärisch besetzt und es kam zu Massakern an der Zivilbevölkerung.

Die EG anerkannte Bosnien und Herzegowina, worauf Serben die „Serbische Republik Bosnien und Herzegowina“ für unabhängig erklärten. Um die Serben zu isolieren wurde Bosnien und Herzegowina in die KSZE und in die UNO aufgenommen. Auch die Kroaten in Bosnien riefen ihren eigenen Staat aus: „Herceg Bosna“.

 

Der Krieg in Bosnien und Herzegowina: Nach der Anerkennung von Bosnien und Herzegowina durch die EG eskalierte die Situation. Die jugoslawische Armee, die noch in Bosnien stationiert war, lehnte einen Abzug ab und unterstützte die serbische Seite. Die muslimische Seite verfügte anfänglich über keine organisierten Truppen. Die Serben brachten rasch grosse Gebiete unter ihre Kontrolle. Dazu gehörten Regionen im Osten und in der Region von Banja Luka, die serbisch besiedelten waren, aber auch Gebiete in denen vorwiegend Bosniaken lebten

Sie besetzten einen Landkorridor, der durch den Norden Bosniens führte und Serbien mit den serbisch besiedelten Gebieten der Krajina verband. Städte wie Gorazde, Zepa und Srebrenica wurden eingekesselt. Bei ihrem Vormarsch verübten die Serben zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung. Kroaten kämpften zuerst gemeinsam mit den Bosniaken, da Izetbegovic mit Tudman ein entsprechendes Abkommen geschlossen hatte. Das Bündnis zerbrach aber, als die Kroaten in Gebiete vordrangen, die mehrheitlich von Bosniaken besiedelt waren.

In einem Abkommen von Karadordevo entschieden Milosevic und Tudman 1991 Bosnien und Herzegowina unter sich aufzuteilen. Der kroatische Verteidigungsrat verübte ein Massaker an Bosniaken in Mittelbosnien bei Vitez, später eskalierten die Kämpfe bei Mostar. Die internationale Politik sah Serbien als Aggressor, konnte sich aber nicht entscheiden durchzugreifen. Erst 1992 wurden Wirtschaftssanktionen gegen Restjugoslawien verhängt. Diese bewirkten für Serbien und Montenegro den fast völligen Zusammenbrauch der Wirtschaft. Die Bevölkerung litt unter dem Embargo, während sich Reiche noch mehr daran bereichern konnten. Auf die Kriegshandlungen hatte es keinen Einfluss. Die Muslime sahen sich einer serbischen Übermacht ausgesetzt und baten Europa und die USA um Hilfe.

Sehr bald zeigte sich, dass sich der Krieg sehr stark gegen die Zivilbevölkerung richtete. Es wurden Internierungslager eingerichtet und Vertreibungen waren Teil der Kriegsstrategie. Die Weltgemeinschaft erfuhr von den Grausamkeiten durch die Medien. Es wurde von Genozid gesprochen.

Sarajewo wurde belagert, die Nationalbibliothek brannte nieder, die Bevölkerung war eingeschlossen. Die UNO forderte die Serben auf alle Kampfhandlungen zu beenden, ethnische Säuberungen zu unterlassen und drohte weitere Sanktionen an. Diese blieben ohne Wirkung. Es wurden Blauhelmsoldaten nach Sarajevo entsandt, Hilfsgüter wurden über den Flughafen geliefert. Insbesondere die Türkei unterstützte ihre muslimischen Glaubensbrüder.

Die EU wollte vermitteln, ihre Vorschläge stiessen aber auf Ablehnung. Es wurde der Vorwurf laut, die EU habe mit ihrer Anerkennungspolitik den Krieg mitverursacht. An einer ersten internationalen Jugoslawienkonferenz 1992 in London wies Milosevic alle Vorschläge zurück. Viele weitere Friedenspläne wurden von einer oder mehreren Seiten zurückgewiesen. Das Massaker von Srebrenica, das die serbische Armee an Zivilpersonen verübte, führte schliesslich zur Intervention der NATO.

 

Der Friedensvertrag von Dayton: Die veränderte Situation zwang die Serben an den Verhandlungstisch. Die Präsidenten Izetbegovic, Milosevic und Tudman erzielten unter dem Druck der Amerikaner eine Einigung in Dayton, die am 10. Dezember 1995 unterzeichnet wurde.

Die Parteien wurden verpflichtet jegliche Kriegshandlungen zu unterlassen, der Waffenstillstand solle von der IFOR überwacht werden. Es wurde eine zweikilometerbreite Schutzzone eingerichtet. Die OSZE solle Wahlen durchführen.

Für Bosnien und Herzegowina legte der Vertrag fest, dass das Land aus zwei Entitäten besteht, der kroatisch-muslimischen Föderation und der Serbischen Republik. Bosnien und Herzegowina solle ein souveräner Staat bleiben, die Menschen eine Bosnisch-Herzegowinsche Staatszugehörigkeit erhalten, sowie eine muslimische, kroatische, oder serbische Nationalität. Jede der drei staatstragenden Volksgruppen solle ein Präsidiumsmitglied stellen. Den Vertriebenen und Flüchtlingen wurde die Rückkehr in ihre Heimat und volle Freizügigkeit garantiert. Und der Vertrag versprach Bosnien Hilfsprogramme und Kredite für den Wiederaufbau.

Nach der Unterzeichnung des Vertrags zogen sich die Truppen hinter die Waffenstillstandslinien zurück, aber die Verfeindung unter den Volksgruppen war natürlich nicht beendet. Durch die Aufteilung des Staates in zwei Teile fanden sich plötzlich viele Bürger im „falschen“ Teilstaat wieder. Nicht wenige packten ihr Hab und Gut, zündeten ihre Häuser an und flüchteten erneue, oft zum zweiten oder dritten Mal. Bosnische Kroaten verliessen die Stadt Mrkonic Grad, Serben verliessen Sarajevo. Hilfsorganisationen kamen ins Land und wurden zu einem Wirtschaftsfaktor, indem sie Stellen anzubieten hatten und über Kaufkraft verfügten.

In den vereinbarten Wahlen wurden trotz allem Unheil, das der Nationalismus über das Land brachte, nationalistische Parteien gewählt. Die meisten Stimmen und damit den Vorsitz des dreiköpfigen Staatspräsidiums erhielt die Partei von Izetbegovic. Für viele junge Leute konnte das Land zu wenig attraktive Perspektiven bieten und viele wanderten ins Ausland aus. Eine wichtige Verbesserung brachte die Einführung neutraler Autonummernschilder. Diese Massnahme ermöglichte Bewegungsfreiheit im Land. Eine weitere wichtige Massnahme war die Schaffung einer stabilen Währung der an den Euro angelehnten konvertiblen Mark. Im Jahr 2002 erklärte das Oberste Nationale Gericht, dass es in Bosnien und Herzegowina mit den Muslimen, Serben und Kroaten drei staatstragende Völker gebe, denen volle Gleichberechtigung zustehe. In den Wahlen von 2000 wurden vermehrt gemässigte Kandidaten gewählt. Eine „Allianz für den Wandel“ wurde gegründet. Aber die Erwartungen der Bevölkerung waren zu gross und so wurden drei Jahre später wieder mehr Nationalisten gewählt.

Das Land ist bis heute gespalten und kann ist nicht in eigener Verantwortung lebensfähig. Es braucht die Präsenz der EUFOR-Truppen. Eine Volksgruppe legt der anderen Steine in den Weg. Solange nationalgesinnte Politiker wichtige Posten bekleiden, wird sich daran kaum etwas ändern.

 

Literatur

Marko Plesnik: Bosnien und Herzegowina, Unterwegs zwischen Adria und Save

Ivo Andric (Nobelpreisträger): Die Brücke über die Drina

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.